Vom Wüstenrand zum Meeresstrand.

Eine Durchquerung des Elburs-Gebirges (Iran)

von Teheran ans Kaspische Meer.

2. Durch die langen Täler (Ostroute)

 

 

Erwandert und beschrieben von Hans Losse

 

Die erste achttägige Weitwanderung von der iranischen Hauptstadt zum größten Binnensee der Welt hatten wir, mein damaliger Schüler Alexander Angerhofer und ich 1975 über Bergdörfer unternommen. Die Iranian Mountaineering Federation hatte uns bei dieser achttägigen Neutour zu dieser Route, die vor ihnen noch keiner begangen hatte, geraten.

Wieder brach ein Bergsommer an - es war das Jahr 1976 - und wieder lockte das Elburs-Gebirge zu einer neuen Überquerung seiner Ketten. Mein Begleiter war in diesem Jahr mein Bergkamerad Bernd Schäfer, der seinerzeit für die Firma BASF in Teheran tätig war. Diesmal sollten Bergsteigerleichtzelte die Quartiere bilden. Fleisch und Fischkonserven muss man für die gesamte Dauer - acht Tage waren wieder geplant - mitnehmen. Dehydrierte Suppen sowie ein Gaskocher mit zwei Ersatzkartouchen sollten auch noch Platz im Rucksack finden. Unerlässlich sind Bergsteigerleichtzelt und Daunenschlafsack. Angenehm ist eine Bergsteigerluftmatratze, da der Boden gelegentlich steinig ist. Unsere Rucksäcke wogen bei dieser erneuten Erstbegehung einer neuen Route 17 kg, 5 kg davon waren Proviant. Das Kartenmaterial bestand wieder aus alten Lichtpausen aus dem Jahre 1907 und einigen neueren Karten der Iranian Mountaineering Federation. Die auf persisch (farsi) geschriebenen Namen von Bergen, Kammlinien, Flüssen und Dörfern hatten wir in lateinischer Schrift daneben geschrieben, um uns bei den Nomaden orientieren zu können. Obwohl wir inzwischen leidlich persisch sprachen, war uns die arabische Schrift auch nach drei Jahren immer noch ein Buch mit sieben Siegeln.

Die Wanderung beginnt an einem Sommertag in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhun-derts. Im vorrevolutionären Iran regiert noch der Schah.

Mit dem PKW fährt uns ein Freund aus der Stadt heraus über Niavaran am Palast des Schahs vorbei nach Shahabad, einem nordwestlichen Vorort der iranischen Hauptstadt. Der Einstiegspfad verläuft zwischen der Bücke über den Rudkhaneh-ye-Shahabad und dem Lungensanatorium. Wie gewohnt verliert sich der Pfad nach einer knappen Stunde. Wir steigen schon am ersten Tag weglos auf einer Rippe weiter an. Die Planung der Route erfolgte nach den Höhenlinien, die auch in den sehr alten Karten verzeichnet sind. Bald schließt sich von rechts ein Pfad an. Auf ihm lässt es sich bequemer steigen. Ein verlassenes Hirtenlager auf einer Hochfläche lädt zu einer Rast ein. Bald nach dem Aufbruch blicken wir in das Lashge-raktal, in dem ein Stausee im Entstehen ist. Das Shahabadtal liegt nur einen halben Tagesmarsch von Teheran entfernt. Dennoch sieht man hier gelegentlich Adler, und im Winter kommen die Wölfe aus dem zentralen Elburs bis hierher. An eine solche Begegnung erinnern wir uns noch gut. Wir blickten dem Leitwolf seinerzeit fest in die Augen; er suchte daraufhin mit seinem Rudel das Weite an den schneebedeckten Hängen. Der Wolf greift den Menschen gewöhnlich nicht an.

Bald verlassen wir die Kammlinie des Kuh-e-Tangchal, der östlichen Begrenzung des Shahabadtals. Es geht ein Stück abwärts in Richtung Stausee. An einem Wasserlauf wird der Weg zu einer undeutlichen Pfadspur. An der Einmündung eines weiteren Baches weist ein gemauertes Wasserbecken als Tränke auf Hirten hin. Der Pfad verläuft hoch über dem Tal wieder zur Kammlinie hinauf. Der Blick schweift über den Lashgerakfluss und auf die neben ihm verlaufende Schotterpiste. Drei Stunden später wird ein Fahrweg erreicht. Ein Tschaichaneh (Teehaus) unterhalb der Brücke nach Kolugan lädt zur Rast ein. Auf der Brücke geht es über den Lashgerakfluss, der einst den Stausee speisen wird. Im Dorf Kolugan wird ein Nebenfluss, der nördlich von Ammameh entspringt, überquert. In seinem Tal erfolgt der weitere Anstieg. Nach einem erneuten Anstieg von 2 ½ Stunden schlagen wir nach 11-stündiger Wanderung an der Mündung eines Nebenflusses unser erstes Zeltlager auf.

 

Der zweite Tag führt uns nach Ammameh mit seiner alten Assassinenburg. Hier herrschten einst die Terroristen des Mittelalters. Sie unterstanden dem Befehl des Alten vom Berge, der von seiner Festung am Alamutrud die damalige Welt in Angst und Schrecken versetzte. Nach einer über 9-stündigen Wanderung zelten wir in einem weiten Tal in 3200 m Höhe.

Der dritte Tag führt auf einen 3750 m hohen Pass, von dem man einen schönen Blick auf den Demavend (5671 m) hat. Diesen höchsten Berg Persiens hatten wir im Vorjahr bestiegen. Er ist technisch leicht, es droht nur die Gefahr der Höhenkrankheit. Solche Höhen können in den Alpen ja nicht erklommen werden. Der Mont Blanc erreicht nicht einmal 5000 m, ist aber weit schwieriger zu besteigen. Es geht weiter am Mehrchal (3921 m) vorbei. Gipfel sind auf dieser Wanderung ja nicht das Ziel. Wir hatten die meisten markanten Berge der Region in den Vorjahren bestiegen. Jetzt dienen sie uns zur Orientierung. Nach insgesamt zehn Stunden haben wir eine der im Elburs nicht so zahlreichen Quellen erreicht. Hier schlagen wir unsere Zelte auf.

Am Beginn des vierten Tages muss eine enge Stelle des Tals umklettert werden. Den ersten alpinen Schwierigkeitsgrad sollte man auf dieser Tour schon beherrschen. Höhere Kletterfähigkeiten sind aber nicht erforderlich. Im Lartal treffen wir auf ein Nomadenlager. Hunde kündigen durch lautes Bellen unsere Ankunft an. Die Begrüßung ist wie immer freundlich und herzlich. Die Einladung zur Rast wird aber dankend abgelehnt. Eine kurze Pause zum Gespräch ist ausreichend. Wir werden von den Hirten darauf hingewiesen, dass es eine asphaltierte Straße von Teheran ans Kaspische Meer gäbe. Man versteht nicht, warum wir Europäer so mühsam zu Fuß über die Berge wandern, wenn man doch ein Auto hat.

Der Fluss muss später durchwatet werden. Man sollte es in Stiefeln tun, um die Füße nicht zu verletzen. Nach der Flussquerung werden die Füße eingecremt, damit sich keine Blasen bilden. Die Strümpfe werden gewechselt. Nach kurzer Zeit sind die nassen Bergsocken am Rucksack getrocknet. Die Luft ist im Elburs extrem trocken.

Über einen Pass geht es in das Tal des Rudkhaneh-ye Garmabdar. Eine ehemalige Karawan-serei wird passiert. Hier verlief einst eine Variante der Seidenstraße, die einst China mit Europa verband. Die Schlafnischen mit den maurischen Bögen sind noch gut erhalten. In wunderschönen Kaskaden rauschen die Flüsse hier zu Tal, sie führen den ganzen Sommer über Wasser, obwohl es von Mai bis Oktober im Elburs nicht regnet. Schließlich wird der 3350 m hohe Pass zwischen den Bergen Kuh-e Kabud und Kuh-e Sorak erreicht. Eine weitere ehemalige Karawanserei - sie trägt den Namen Pakabud - gibt uns wieder das Gefühl, im Mittelalter zu sein. Nach 10 ½ Stunden schlagen wir unterhalb eines verlassenen Nomadenlagers unsere Zelte auf.

Am fünften Tag setzen wir unseren Weg nach Norden im Tal des Yal-Rud fort. Immer einmal wieder müssen kleine Bäche überquert werden. Manchmal gelingt es auf Steinen, die von den nomadisierenden Hirten gelegt wurden. An einer steilen Stelle ist der Weg durch eine Mauer aus Natursteinen gesichert. Offenbar verlief hier ein alter Karawanenweg. Auch Holzbrücken führen mehrfach über den Fluss. Gärten kündigen bald das Dorf Yal-Rud an. Yal-Rud ist kein ärmliches Dorf. Die Bewohner gründen ihren Wohlstand auf nahe gelegene Kalksteinbrüche. Weiter geht es im Tal des Hatar-Rud zum Dorf Hatar. Dann steigen wir wieder zum einem Pass hinauf. In 4300 m wird die Passhöhe auf einer Rippe des Kuh-e Shekar Lequas überquert. Bis zum Lager in 3250 m Höhe ist dann noch ein Abstieg von über tausend Höhenmetern zu bewältigen. Nach 9 ¼ Stunden anstrengenden aber sehr schönen Wanderns schlafen wir in unseren Zelten wie die Murmeltiere, die es übrigens im Elburs-Gebirge nicht gibt.

Am Morgen des sechsten Tages geht es wieder über eine Passhöhe ( 3150 m). Da das Zeltlager hoch lag, ist sie bald erreicht. Der Abstieg führt ins Dorf Dar. Die nächste kleine Ansammlung von Häusern heißt Valashid. Sie liegt an der Einmündung des Yal-Rud in den Haraz-Rud. Der dreistündige Marsch auf der Schotterstraße im Haraztal ist etwas ermüdend. In Takor wird der breite Fahrweg aber bereits wieder verlassen. In dem Gebiet, das den Namen Tageh-ye Sukar trägt, schlagen wir nach 10 ¾ Std. unsere Zelte auf.

Am siebten Tag spürt man bereits den Einfluss des nicht mehr allzu fernen Kaspischen Mee-res. An Getreidefeldern mit Lehmhütten führt der Weg vorbei. Nebel erfüllen die Täler am Morgen. Das Wüstenklima weicht allmählich dem subtropischen Wettergeschehen. Ackerbau und Schafzucht werden hier betrieben.

Kühe weiden auf saftig grünen Wiesen. Das Dorf Mirhamand liegt etwas oberhalb des Djangal (Urwald). Es ist gelegentlich in Wolken gehüllt. Hier sollten Weitwanderer übernach-ten und Kraft für den langen Abstieg am letzten Tag sammeln. Wir steigen in der Djangal ein und müssen nach 11 Stunden beim Einbruch der Dämmerung im steilen Gelände biwakieren. Ein Aufbau der Zelte ist an den steilen Hängen nicht möglich.

Am achten und letzten Tag dieser Weitwanderung über das Elburs-Gebirge geht es durch den Djangal abwärts in die Ebene des Kaspischen Meeres. Das angenehme trockene Wüstenklima ist feuchtwarmer Treibhausluft gewichen. Vor den Bären und den vereinzelten Tigern brau-chen wir uns nicht zu fürchten. Die Tiere finden reichlich Nahrung und sind froh, wenn sie nicht mehr vom Menschen gejagt werden. Bald blicken die beiden auf das offene Tal mit dem Dorf Darwisch. Bis zum Ufer des größten Binnensees der Welt sind es jetzt noch zwan-zig Kilometer.Wir wandern zum Schluss auf einem lehmigen Fahrweg, der den Fluss mehrfach in Furten durchquert. Man sollte den Fluss durchwaten, er ist im Sommer acht Meter breit und weniger als einen halben Meter tief. Gegen die Stechfliegen sollte man unbedingt ein Insektenabwehrmittel dabei haben. Bei Suleh erreichen wir nach 11 Stunden die Küsten-straße am Kaspischen Meer.

Ein Weitwandertraum hat sich zum zweiten Mal erfüllt. Eine erneute Erstbegehung war gelungen. Einen markierten Weitwanderweg wird es hier aber vermutlich nie geben. Info Wer die Absicht hat, eine der drei Weitwanderungen von Teheran ans Kaspische Meer (Über die Dörfer, Durch die langen Täler, Über die hohen Pässe) vermutlich als Zweitbegeher durchzuführen, kann mir zur weiteren Information eine e-mail senden: losse.agathenburg@t-online.de oder mich anrufen. Hans Losse, Birkenweg 5, 21684 Agathenburg, Tel./Fax 04141-62975, Ein Visum ist für den Iran erforderlich. Die Preise für die Übernachtungen in Teheran entsprechen denen mitteleuropäischer Großstädte. Neuere Karten zu erhalten ist schwierig. Man sollte versuchen, das Kartenproblem vielleicht so zu lösen: Die alten Karten mit den eingezeichneten Routen ausdrucken. Dann mit google earth die Route in der passenden Vergrößerung suchen und ausdrucken.

 

 

Info


Wer die Absicht hat, eine der drei Weitwanderungen von Teheran ans Kaspische Meer (Über die Dörfer, Durch die langen Täler, Über die hohen Pässe) vermutlich als Zweitbegeher durchzuführen, kann mir zur weiteren Information eine e-mail senden:

losse.agathenburg@t-online.de oder mich anrufen.

Hans Losse, Birkenweg 5, 21684 Agathenburg, Tel./Fax 04141-62975,

Ein Visum ist für den Iran erforderlich. Die Preise für die Übernachtungen in Teheran

entsprechen denen mitteleuropäischer Großstädte. Neuere Karten zu erhalten ist schwierig. Man sollte versuchen, das Kartenproblem vielleicht so zu lösen: Die alten Karten mit den eingezeichneten Routen ausdrucken. Dann mit google earth die Route in der passenden Vergrößerung suchen und ausdrucken.

 

südlichste Karte. Startpunkt Theran
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