Weitwanderung durch das zentale Zagrosgebirge (Iran)

 

Erwandert und beschrieben von Hans Losse

 

Ein wunderbarer Film mit dem Titel „Kinder der Glücklichen“ lief unlängst bei ARTE. Er zeigt die Wanderung der Nomaden im Iran. Dieser zweimal jährlich stattfindende Trek von den Winter- auf die Sommerweiden und umgekehrt gilt als die spektakulärste Herdenwanderung weltweit.

 

Dieser Film hat mich angeregt, mir einmal wieder die Fotos der sechstägigen Weitwanderung durch das Zagrosgebirge, die ich mit meinem Freund Wilfried Reichel 1978 unternommen hatte, anzusehen. Die Wanderung ist auch heute noch in gleicher Form möglich. Das einsame Zagrosgebirge dürfte sich in den 35 Jahren kaum verändert haben.

 

Mit dem VW-Bus fuhren wir seinerzeit von Teheran auf schon damals asphaltierten Straßen über Saveh, Delijan, Isfahan nach Shahreza, das heute überraschenderweise noch ebenso heißt. Für die Übernachtungen im Zagrosgebirge kam damals nur das Zelt in Frage; das wird heute noch genauso sein. Wir verzichteten auf eine Übernachtung in Shahreza und schlugen unsere leichtgewichtigen Ein-Mann-Bergsteteigerzelte einige hundert Meter abseits der Straße von Shahreza nach Semiron auf.

 

Am nächsten Tag ging es weiter nach Semiron. Hier endete damals die Asphaltierung der Straße. Über Meymand ging es auf einer guten Schotterpiste weiter nach Sisakht. Im Tal des Rud-e Beshar verläuft die Piste neben der ZIROP pipeline, der unterirdischen Erdölleitung. Sieben Kilometer hinter Meymand geht es über einen 2450 m hohen Pass. Bei einer Gabelung (23 km hinter Meymand) halten wir uns links.

Nach weiteren 45 Kilometern geht es über einen zweiten Pass (2300 m). Endlich erreichen wir Sisakht; der kleine Ort liegt 13 Kilometer hinter dem zweiten Pass. Sisakht ist der Ausgangs- und Endpunkt unserer sechstägigen Weitwanderung.

 

Den Wagen stellt man zweckmäßigerweise bei der Militärstation, einem auf einem Hügel gelegene Fort, ab. Die Polizisten waren freundlich und hilfsbereit. Beeindruckt hat uns ein großer Glaskasten an der Wand, er enthielt Folterwerkzeuge. Hoffen wir, dass der Kasten dort heute nicht mehr hängt!

 

In Sisakht lebte damals der Bergführer Feridoun Asefi. Sein Haus lag in der Straße Rah Nemakharwi. Wir hatten seine Anschrift von Herrn Nouroussi, dem damaligen Leiter der Iranian Mountaineering Federation, erhalten. Der Bergführer leitete seinerzeit Führungen zu den Gipfeln des Massivs Kuh-e Dena, wir waren im Besitz einer genauen Karte im Maßstab 1:25000 von dieser Region. Herr Asefi war erstaunt über die Karte, er kannte das Gelände so gut, dass er weder Karte noch Kompass benötigte. Das Zagrosgebirge ist seine Heimat, die er bestens kennt. Wir erklärten ihm, dass wir die höchsten Berge des Elbursgebirges (Takht-e Suleiman, Alam Kuh, Azad Kuh, Demavend und andere) bereits ohne Führer bestiegen hatten. Wir wollten nun auch im Zagrosgebirge unsere Erkundungen führerlos vornehmen, wofür der Bergführer volles Verständnis hatte.

 

An Morgen des dritten Tages begann unser Zagros-Abenteuer. Der Anstieg zum Bizan-Pass (3250 m) erfolgte noch auf einer guten Schotterpiste. Nach knapp zwei Stunden sind wir an der Quelle Chesmeh Beshu, sie liegt rechts unterhalb des Weges. Hier füllen wir erst einmal unsere Wasservorräte nach. Sicherheitshalber benutzen wir auch hier unseren Katadynfilter, ein Schweizer Fabrikat, das uns bereits im Elbursgebirge vor Infektionen bewahrt hat. Oberhalb der klaren Wasserläufe können sich immer noch Hirtenlager befinden, durch die Krankheitserreger ins Wasser gelangen können. Sicher ist sicher!

Nach der Quelle führt der immer noch breite Schotterweg zur Passhöhe hinauf. Auf Pfadspuren lässt er sich gelegentlich abkürzen. Nach zwei Stunden Anstieg sind wir am Pass. Weit schweift der Blick über das uns noch unbekannte Gebirge. Im Elburs kannten wir uns nach zahlreichen Wanderungen in fünf Jahren schon gut aus. In der Heimat der Bachtiari-Nomaden waren wir fremd.

Vom Pass ging es wieder hinab bis auf eine Höhe von 2630 m, wo wir einen guten Zeltplatz neben einer Wasserrinne fanden. Das Wasser war jedoch trüb, und wir waren froh, dass wir unseren Filter dabei hatten. Nach beinah sieben Stunden hatten wir unser Tagessoll erfüllt.

 

Am Morgen des vierten Tages verlassen wir den breiten Weg nach links und folgen einer Pfadspur. Über ein kleines Hochplateau steigen wir ins Flusstal des Rudkhaneh-ye Bizan hinab.

Direkt neben dem Fluss wandern wir auf einem guten Pfad durch eine malerische Felsschlucht. Am Ende der Schlucht müssen wir den Fluss nach links in westlicher Richtung durchwaten. Wir beschließen, es mit den Bergstiefeln zu tun. Zu leicht könnten wir uns die Füße in dem steinigen Flussbett verletzen. Die Strümpfe werden am anderen Flussufer gewechselt, sie trocknen außen am Rucksack schnell. Und die Bergstiefel verlieren in der äußerst trockenen Luft auch schnell wieder die Feuchtigkeit.

Wir kommen wieder auf einen breiteren Weg, der uns in das hübsche kleine Dorf Tang-e Rekan führt.

In einem ausgetrockneten Flussbett steigen wir vom Dorf auf einem guten Pfad zu dem 2650 m hohen Pass hinauf. Diesmal benötigen wir vier schweißtreibende Stunden. Da wir aber gut trainiert sind, macht uns das im besten Alter von vierzig Jahren nicht viel aus. In der Höhe folgen wir dem Verlauf einen Wasserrinne, sie steigt nur ganz langsam an. Weitere zweieinhalb Stunden wandern wir gemütlich entlang der Höhenlinie, bis wir den 2670 m hoch gelegenen Mashaki-Pass erreichen. Von der Höhe blicken wir auf das Dorf Khafr hinab. Ein kleines Stück steigen wir in Richtung Khafr noch ab. Dann zweigen wir nach links ab und schlagen unserer Zelte in den Obstgärten Darreh-ye Dena in 2350 m Höhe auf. Fast acht Stunden waren wir am vierten Tag unterwegs.

 

Am Morgen des fünften Tages verlassen wir das schöne Tal des Darreh-ye Posht-e Dena in westlicher Richtung. Über eine kleinen Höhenrücken queren wir in das Tal des Darreh-ye Gashmastan. In diesem ebenfalls sehr schönen Tal steigen wir erneut an. Auf beiden Seiten des Bachlaufs verläuft ein schmaler Pfad. In 2650 m Höhe treffen wir auf ein Schneefeld, auf das der Pfad mündet. Wir befestigen die Zwölfzacker unter unseren Bergstiefeln und steigen auf dem Schneefeld weiter an. In 2820 m Höhe zweigen wir zu einem fast 3000 m hohen Pass ab. Entlang einer Wasserrinne führt dann ein Pfad zu einem Nomadenlager. Überaus freundlich werden wir begrüßt. Im weiteren Verlauf unseres Weges müssen wir einige weitere zum Teil recht steile Schneefelder queren. In einer Höhe von 3320 m treffen wir auf eine hohe Felsrippe. Wir blicken zu einer Passhöhe hinauf. Tief unter uns liegt das Tal des Baches Ab-e Murgol. Der weitere Anstieg entlang der Rippe erscheint mir zu gefährlich. Wilfried, der bessere Kletterer von uns beiden, könnte ihn bewältigen. Wir entscheiden uns für den weglosen Abstieg über Schneefelder ins Tal des Ab-e Murgol. In 3100 m Höhe stoßen wir auf einen guten Pfad. Er verläuft oberhalb eines Bachtals, das von einem Schneefeld bedeckt wird, in südlicher Richtung. In 3080 m Höhe führt der Pfad auf ein kleines Plateau. Hier schlagen wir unsere Zelte auf. Der Sternenhimmel in dieser Zeltnacht bleibt uns unvergesslich.

 

Am Morgen des sechsten Tages folgen wir dem Pfad weiter in südlicher Richtung. Ein kleines Schneefeld wird gequert, bald folgt ein größeres, dem wir in südöstlicher Richtung folgen.

Dieses Schneefeld verläuft in einem Nebental des Murgoltals. Wir queren es in 3220 m Höhe. Dabei steigen wir auf 3340 m an. Der weitere Anstieg erfolgt dann auf einem grünen Band unterhalb Wand von 60 Grad Neigung. Dabei müssen noch einige weitere Schneefelder gequert werden. Der Anstieg wird bald recht steil. Die großen Felsen des Blockgesteins und das Buschwerk der Latschenkiefern bleiben zurück. Die Hoffnung, nach Überquerung des Kamms weiter auf Schneefeldern ansteigen zu können, erfüllt sich leider nicht. Der Kamm fällt auf seiner südwestlichen Seite fast senkrecht ab. In 3600 m Höhe begraben wir unsere Gipfelträume und steigen in Richtung Khafr ab. Rückblickend erscheint der Anstieg zum höchsten Gipfel der Region (Gashmastan, 4460 m) vom Murgol-Schneefeld in südlicher Richtung rechts am Wasserfall vorbei vielleicht eher möglich. Der höchste Gipfel des Massivs Kuh-e Dena liegt am Ende des Murgoltals. Wir verschieben seine Besteigung auf eine spätere Reise in diese wunderbare Bergwelt. Die Hoffnung auf einen zweiten Versuch hat sich jedoch bisher nicht erfüllt.

Das Ende des Schneefeldes erreichen wir in 2710 m Höhe nach insgesamt fast sechs Stunden. Von dort steigt der Weg auf der linken Talseite bis 2820 m wieder an. Anschließend führt er in das 2220 m hoch gelegene Khafr hinab.

Nach der anstrengenden Tour nehmen wir das gastliche Angebot der freundlichen Bewohner des kleinen Dorfes an. Wir übernachten bei einer Familie in Khafr. Fast neun Stunden waren wir am sechsten Tag auf den Beinen.

 

 

Wilfried Reichel
Wilfried Reichel

Am siebten Tag wandern wir von Khafr zu dem uns schon bekannten Mashaki-Pass hinauf. Und dann weiter zum 2880 m hohen Vahli-Pass. Von dort geht es weiter über eine weite Hochfläche, die von zahlreichen Bächen durchschnitten wird. Vorbei an zahlreichen Nomadenlagern führt der traumhafte Weg ständig auf und ab durch die Sommerweiden der Bachtiaris. In 2790 m Höhe treffen wir nach fast fünf Stunden Gehzeit auf einen einsamen Baum in dieser trotz ihrer Kargheit schönen Landschaft. Ein in 2680 m Höhe gelegenes Flusstal führt wieder klares Wasser. Wie stellen uns die Frage: Wie können die Nomaden mit dem trüben Wasser der Bäche in den Hochtälern nur ohne Wasserfilter gesund leben?

Bei einem weiteren einsamen Baum durchqueren wir den Rudhkaneh-ye Karsomi in 2740 m Höhe. Und jetzt blicken wir auf den uns schon bekannten Weg östlich des Rudkhaneh-ye Bizan. Auf einer kleinen Wiese in 2670 m Höhe finden wir unterhalb einer Quelle einen geeigneten Lagerplatz zum Aufbau der Zelte. Gut sieben Stunden beträgt unsere Gehzeit am siebenten Tag unserer Tour.

Sollten wir noch einmal in dieser herrlichen Bergwelt wandern, würden wir vom Vahli-Pass weiter im Darreh Vahli absteigen. Dann würden wir den Talboden des Bizanflussesin 2300 m erreichen.

 

Am achten Tag steigen wir dann ins Flusstal des Rudkhaneh-ye Bizan hinab, auf einem Schneefeld überqueren wir in 2720 m Höhe den Fluss. Auf dem breiten Schotterweg geht es schließlich über den Bizan-Pass nach Sisakht zurück, wo Wilfrieds VW-Bus steht.

Für diesen letzten Tag der Wanderung brauchten wir nur knapp sechs Stunden.

 

Für die Rückfahrt nach Teheran nahmen wir uns etwas mehr Zeit. Über Yasui, Ardakan, Schiraz, Shahreza, Isfahan, Delijan und Saveh genehmigten wir uns vier Tage mit zahlreichen Besichtigungen schöner sehenswerter Stätten.

 

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