Deutschlanddurchquerung von Ost nach West – von Görlitz nach Schengen

Etappe 3: Johann-Georgenstadt - Wanfried

Inhalte von Google Maps werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf die Cookie-Richtlinie (Funktionell), um den Cookie-Richtlinien von Google Maps zuzustimmen und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in der Google Maps Datenschutzerklärung.

 

von Berthold Kutschera

 

Die Stadtgründung von Johanngeorgenstadt geht auf Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen zurück. Er genehmigte die Gründung durch böhmische Exulanten (Glaubensflüchtlinge) auf dem Fastenberg. Bedingung für die Genehmigung der Stadtgründung war, dass die Stadt seinen Namen tragen sollte. 1658 gab es die ersten Silberfunde in der Neu-Jahr-Fundgrube. Bis 1856 erwirtschaftete man 107 t Silber in den diversen Gruben. Neben der Silbergewinnung wurden auch Zinn und später Uran geschürft. Ab 1945 wurde verstärkt Uran abgebaut, wobei man keine Rücksicht auf Natur und Mensch nahm.

 

 

Vom Bahnhof lief ich Richtung Grenzübergang. Ein emsiges Markttreiben herrschte auf tschechischem Gebiet. Mir allerdings war dies zu hektisch, weswegen ich gleich auf der Jugelstraße am Schaubergwerk, später am Schullandheim, vorbei Richtung Wirtshaus „Zum Kleinen Kranichsee“ weitermarschierte. Der „Kleine Kranichsee“ ist eines der ältesten Naturschutzgebiete in den erzgebirgischen Kammlagen. Dieses Hochmoor, Höhenlage 920 bis 935 m NN, hat eine Fläche von 29,14 ha und ist seit dem 7. Juni 1939 geschützt. Einige Teilflächen sind Totalreservat. Die maximale Moormächtigkeit beträgt ca. 9 m. Im Lauf der Zeit entwickelte sich ein Krummholzmoor (Moorkiefer), das hauptsächlich durch Niederschläge gespeist wird. Die hier vorkommenden Pflanzen- und Tierarten sind an das extrem saure Milieu und den nährstoffarmen Boden angepasst.

 

Etwa 400 m nach dem Wirtshaus, an einer Wegegabelung mit Unterstandhütte, muss man links in den Jordanweg Richtung Weitersglashütte einbiegen. Auf dem Erzgebirgskamm sind noch heute die dramatischen Auswirkungen des Orkans Kyrill aus dem Jahre 2007 erkennbar. „Kyrill“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie der „Herrliche“.

 

Das Bild, das sich nach der Orkannacht den Forstleuten bot, war allerdings alles andere als herrlich. Große Waldflächen mit Fichten wurden in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar ein Opfer des Orkans. Sie knickten um oder entwurzelten. Im Forstbezirk Eibenstock gab es nach dieser Schadensnacht 385 000 Kubikmeter Schadholz, das entsprach fast einer halben Million geworfener und umgeknickter Bäume. Eine Fläche Wald, die in etwa 2200 Fußballfeldern entsprach, wurde völlig vernichtet. Gründe für die immensen Schäden, waren einmal die schlecht verankerten Wurzeln aufgrund vernässter Böden und fehlendem Frost, die Fichten als Flachwurzler und außerdem bilden gleichförmige Fichtenbestände eine Angriffsfläche wie ein Segel. Für die Forstleute bedeutet das, dass so schnell wie möglich das Schadholz wegzuräumen ist, um die explosionsartige Vermehrung des Buchdruckers, einem weiteren Schädling der Nadelbäume, jegliche Grundlage zu entziehen. Außerdem galt es die Freiflächen sofort mit Mischwald aufzupflanzen, denn sonst droht jahrzehntelange Vergrasung ohne Baumbewuchs.

Am Wendeplatz bei der Weitersglashütte in der Nähe des Gasthauses biegt man im 90°-Winkel nach links ab und folgt dem „Roten Balken“ auf der Frühhusserstraße. Nach rechts hielt ich mich am Wanderübergang nach Tschechien. Die Talsperre Carlsfeld umgehend schritt ich durch das Naturschutzgebiet „Großer Kranichsee“ immer auf dem Kammweg bleibend Richtung des 936 m hohen Aschbergs. Kurz vor der Aschberghütte entschied ich mich für den Weg nach Mühlleiten und biwakierte in der Nähe der Kammhütte.

 

 

Nach der Kammhütte folgte kurz danach eine kleine Kneippanlage und geraume Zeit später zweigte der Weg nach Mühlleiten, einem Ortsteil von Klingenthal, links ab. Ich marschierte immer geradeaus und kam bald zu dem großen Wanderparkplatz an der Straße bzw. an der Passhöhe Mühlleiten (860 m). Über die Straße, diagonal den rechts neben der Straße befindlichen Parkplatz durchquerend und weiter dem Wanderzeichen „Blauer Querbalken“ nach, erreichte ich bald das Waldhotel. Die ersten Gäste der weitläufigen Anlage waren schon zum Frühstücksbuffet unterwegs. Ich folgte von nun an dem Floßgrabenweg. Die Temperaturen in schattigen Hochfichtenwald waren für das Marschieren angenehm. Der Floßgraben oder auch Kielgraben genannt, wie man einer Informationstafel entnehmen konnte, mit 1% Gefälle, wird als technisches Denkmal seit 1981 geführt. „Erbaut wurde er 1631/32. Die Floßgräben entstanden aus wirtschaftlichen Gründen, weil in anderen Gebieten, wie in Nordsachsen, Schneeberg, Zwickau und den Raum Leipzig - Halle Holz für die Industrie benötigt wurde. Ein Holzscheit benötigte für die 7,5 km lange Strecke nach Muldenberg ca. 2,5 Stunden. Um einen Stau des Holzes zu verhindern gab es die „Schluchtenhalter“. So wurden die Flößer bezeichnet, die mit ihren Floßstangen einen Stau der meterlangen Holzscheite verhindern mussten. Ganz ungefährlich war diese Arbeit nicht, wenn in der glitschigen kalten Schlucht unregelmäßig Scheite über die Floßrutsche herabstürzten. Um genügend Schluchtenhalter zu haben, wurden die Untertanen der umliegenden Rittergüter zu Frondiensten verpflichtet. Wer sich die Holzhauerdienste nicht leisten konnte, musste sich vertreten lassen und dafür einen Hauerlohnzuschuss von drei Groschen pro Klafter an den Floßvorsteher entrichten.“ Ein Klafter Holz entspricht in etwa 3,3 Kubikmeter. So hatte z. B. der Leipziger Floßhafen um 1860 ein Stapelvermögen von 7000 Klaftern Scheitholz. Auch wie heute war damals das Hartholz wesentlich teurer als das Weichholz.

 

Immer dem E3-Wanderweg (Blauer Querbalken) folgend erreichte ich die Talsperre Muldenberg. Gegen Mittag, kurz vor Schöneck, nahm ich eine Kleinigkeit im stark frequentierten Meilerimbissstand zu mir. Schöneck ist die höchstgelegene Stadt des Vogtlandes und wird wegen ihrer exponierten Lage auch als „Balkon des Vogtlandes“ bezeichnet. Auf Grund ihrer Höhenlage und den sie umgebenden Wäldern ist Schöneck auch ein staatlich anerkannter Erholungsort und Wintersportplatz. Die Aussicht war bei Kaiserwetter wirklich grandios.

Durch den IFA-Ferienpark hindurch, zum Bergwachthaus, auf der gemähten Wiese den Hang hinunter und dann leicht bergauf in die Ortsmitte kam ich zum Heimatmuseum, das leider am Pfingstsonntag geschlossen hatte. So ging es wieder bergab am Netto vorbei und bald bog ich in das Tal des Görnitzbaches ein. Der Bergbaulehrpfad und der E3 liefen zunächst parallel bis der E3 nach links in einen Waldweg abbog. Nach der Mittelmühle führt der E3 durch eine Wiese, sein Zeichen ist am Waldrand überdimensioniert an einer Fichte aufgemalt, zur Kornmühle. Von da an geht es nun steil nach oben und linker Hand in den Wald.

 

Vor Bretenfeld begegnete mir ein Ehepaar, das ihren jungen Labrador ausführte. Sie fragten mich nach dem üblichen Woher und Wohin. Die noch etwas junge Dame wollte plötzlich wissen, ob ich mit Hilfe des Navi meine Tour unternehmen würde. Ich verneinte und antwortete, dass ich nach Karte laufe. Ihrem Stirnrunzeln und dem skeptischen Blick nach zu urteilen, traute sie meiner Antwort nicht.

Enttäuscht wurde ich danach in Tirpersdorf, denn der Landgasthof hatte dicht gemacht. Ein älterer Herr, der vor seiner Hausmauer Blumen goss, empfahl mir nach Juchhöh zu laufen, dort habe das an der Straße gelegene Gasthaus bestimmt offen, denn die Städter, damit meinte er die Plauener, fahren an den Wochenenden hier heraus, um zu speisen. Doch weit gefehlt! Gegen 20:50 Uhr erreichte ich jenes vielgepriesene Wirtshaus, und ich schaute abermals in die Röhre. Heute gab es kein warmes Abendessen für den knurrenden Magen, denn verschlossen war das Tor. So lief ich noch ein Stückchen Richtung Obermarxgrün, froh darüber, dass ich mir vorher die Wasserflasche voll füllen ließ, biwakierte und verpflegte mich aus dem Rucksack.

 

Am nächsten Morgen wanderte ich auf der wenig befahrenen Straße über Obermarxgrün, Oberlose, Brand, den Aussichtsturm Kemmler rechts liegen lassend in die große Kreisstadt Plauen, die erstmals 1122 urkundlich erwähnt wurde, hinein. Über die Elsterbrücke und an der St. Johanneskirche vorbei gelangte ich zum Marktplatz. Dort ließ ich mich von einem Nürnberger Fahrradfahrer, der nach eigenen Angaben vorhatte, eine größere Tour durch Deutschland zu unternehmen, mit dem Rathaus im Hintergrund fotografieren. Das Rathaus, wurde wie Plauen insgesamt, auch im zweiten Weltkrieg durch die Bombenangriffe der Alliierten schwer beschädigt. Trotzdem ist es ein touristischer Blickfang mit seinem Renaissancegiebel und der originaltreuen Nachbildung der Kunstuhr des Hofer Meisters Georg Puhkaw von 1548. Vom Rathausplatz begab ich mich in die Königstraße, jetzt Nobelstraße.

Hier in der Nobelstraße mit ihren denkmalgeschützten Häusern befindet sich das Vogtlandmuseum. Da ich noch ca. 50 Minuten auf die Öffnung des Museums hätte warten müssen, marschierte ich weiter. Ich folgte den Straßenbahnschienen zum Oberen Bahnhof. Linker Hand sah man nun den Aussichtsturm auf dem Bärenstein. Ich orientierte mich weiter an den Straßenbahnschienen Richtung Syrau, ehe ich nun der Markierung des EB-Weges (Eisenach – Budapest) durch die Außenbezirke Plauens nach Syrau folgte.

Es dauerte nicht lange bis man rechts die Drachenburg mit der dreistöckigen Holländerwindmühle sah, deren Flügel sich nur gelegentlich drehten. Interessant ist bei diesen Mühlen, dass das Dach drehbar auf Rollen gelagert wird, damit die Windflügel, auch Ruten genannt, bestmöglichst in den Wind gedreht werden können. Auf der Straße hinauf zur Mühle parkten viele Autos und noch mehr Menschen pilgerten zu Fuß dorthin. Offensichtlich fand hier ein Mühlenfest statt.

 

Die bedeutendste touristische Attraktion in Syrau ist allerdings die Tropfsteinhöhle, die die einzige natürlich entstandene in ganz Sachsen ist. Etwa 350 m der Höhle sind für den Tourismus erschlossen. Ich hielt mich nach links, wanderte in die Dorfmitte zur Hauptstraße, dann rechts abbiegend und nahm auf der Bundesstraße 282 links laufend die Strecke Syrau nach Mehlteuern in Angriff. Ohne Pause rasten die Pkws und Motorräder mit großer Geschwindigkeit auf der Gefällstrecke nach Syrau an mir vorbei. Zirka 150 m nach dem höchsten Punkt oder ebenso viele Meter vor dem Ortseingang stärkte ich mich zur Belohnung, diese Rennstrecke unfallfrei hinter mich gebracht zu haben, am Rostbrätelstand. Ein Ehepaar, das gerade mit ihrem Wohnmobil angekommen war und angesichts meines voluminösen Rucksacks neugierig geworden, fragte mich, ob ich denn zelte und wohin die Reise gehe. In der Folgezeit des Gesprächs stellte sich heraus, dass sie aus Plauen und er aus Passau waren. Auf meine flapsige Bemerkung hin, das sei eine seltene Kombination, erwiderte er schlagfertig und mit einem Schalk im Auge, dass sie die deutsche Wiedervereinigung nicht nur vorleben, sondern auch tagtäglich praktizieren. Die Dame bekam nach der zweideutigen Aussage ihres Gattens einen Anflug von leichter Röte im Gesicht. An der Grundschule in Mehlteuern vorbei, in den Wald hinein, später an einem Dammwildgehege entlang und am Dorfeingang von Geiersberg rechts den Berg hoch, weiterhin durch Wald und offene Fluren erreichte ich in den Abendstunden Mühlentroff, das im Zuge der Ostkolonisation im 12. Jahrhundert entstand und die kleinste vogtländische Stadt ist. Der Name Mühlentroff leitet sich von den zahlreichen Mühlen ab, die es hier einst gab. Links durch das Schlossgelände, um das Schloss herum, wieder zur Hauptstraße, sah ich bald das Gasthaus „Zum Goldenen Löwen“, in welchem ich zu Abend speiste. Nach einer guten Stunde verließ ich das Speiselokal und folgte dem altbekannten Wanderzeichen bis zum Schafhof. Dort war die Markierung so schlecht, dass ich zunächst fälschlicherweise geradeaus lief. Als ein Hund in dem zweiten Anwesen bei meinem Anblick wie wild anfing zu bellen, öffnete sich im ersten Stock ein Fenster und ein junger Mann versuchte mit Vehemenz, dass der Hund sein Gekläffe einstelle. Doch die Anweisungen stießen bei ihm auf taube Ohren. Zwischenzeitlich klärte mich der Mann auf, dass der Weg geradeaus falsch sei. Ich solle deshalb die paar Schritte zum ersten Haus zurückgehen und anschließend rechts in den Wald hinein marschieren. Der Hund beruhigte sich weiterhin nicht und hörte erst mit seinem Verbellen auf, als ich außer Sichtweite war. In der Nähe der Waldhäuser ließ ich den heutigen Tag ausklingen.

Geradeaus ging es weiter durch den Wald, am Waldende an einem großen Anglerteich vorbei, lief ich in einer Stunde in Oberböhmsdorf ein.

Dort orientierte ich mich zu den Sportanlagen. An diesen vorbei, nun immer der Straße nach, erreichte ich Schleiz. In der erstbesten Bäckerei holte ich sofort mein Frühstück nach und ließ mir den kürzesten Weg zur Bergkirche genau beschreiben. Diese liegt an der alten Handelsstraße von Regensburg nach Naumburg. Sie wurde in erster Linie errichtet, um den Fuhrleuten Beistand auf ihrem Weg durch das sumpfige Plothener Teichgebiet zu geben. Auf der Informationstafel heißt es, dass „die Kirche seit der Reformationszeit im Stile des Barocks ausgeschmückt wurde. Das größte Schnitzwerk ist der „Burgksche Epitaph“ mit der Darstellung der Familie Heinrich II. Reuß zu Burgk (vollendet 1706). Kunsthistorisch bedeutsam ist die Sandstein-Tumba für Heinrich den Mittleren von Gera in der Turmkapelle. Viele Kunstwerke u. a. von Paul Keil (1573 – 1646) verleihen der Kirche ihre Schönheit.“

 

Leider sind die Öffnungszeiten etwas unchristlich auf den Nachmittag verlegt, weswegen mir nichts anderes übrig blieb als auf dem Uferweg des kleinen Flüsschen Wisenta entlang zu laufen, bei der ersten Mühle über die Brücke, um danach links unter der Autobahn hindurch nach Mönchsgrün zu gelangen. Weiter zu Stöckrigtsmühle, durch Grochwitz, nach der Kirche rechts abzweigend erreichte ich mittags Dörflas. Immer wieder hatte ich schöne Ausblicke auf die Saaletalsperren. Zum ersten Mal hörte ich verwundert, dass man die 1932 aufgestauten Saaletalsperren als das „Thüringische Meer“ bezeichnet. Die Saalestauseen mit über 70 km Länge sind das größte zusammenhängende Stauseegebiet in Europa. Steil bergab nun nach Walsberg, dort über zwei Brücken, an dem Gasthaus „Fuchsbau“ vorbei und kurze Zeit später den Hang hinauf auf die Hochfläche von Liebegrün, wobei ich bei Bilderbuchwetter die weite Fernsicht nach allen Seiten genoss. Bei der Dorfkirche rechts die Gasse in die Flur und anschließend links immer den Weg in das Ottertal folgen. Unter der Eisenbahnbrücke einer stillgelegten Linie hindurch und danach schwitzend und mit kräftigem Stockeinsatz kämpfte ich mich einen steilen Schotterpfad zur Ruine Wysburg hinauf. Der Landesdenkmalschutz aus Weimar führt hier Ausgrabungen aber auch Rekonstruktionen durch. Die Burg Wysburg, vermutlich eine Gründung durch die „Lobdeburger“ wurde erstmals 1274 erwähnt und schon zwischen 1320 und 1330 zerstört. Von der Ruine marschierte ich zum Wanderparkplatz und von dort immer auf dem asphaltiertem Wirtschaftsweg nach Weisbach. Da das Wirthaus in Weisbach wegen der Pfingstfeiertage seinen Ruhetag auf den heutigen Dienstag verlegte, lief ich auf Empfehlung eines Einheimischen nach Lothra und wurde tatsächlich für meine Ausdauer mit einem schmackhaften Sauerbraten, wie bei Muttern, in der alten Brauereigaststätte belohnt. Den Tag ließ ich in Dorfilm ausklingen. Am Dorfende von Dorfilm die Straßenkreuzung überquerend verläuft der Wanderweg geradeaus ins Ilmtal. Immer bergab an der Ilm entlang waren die sieben Kilometer nach Leutenberg schnell erreicht. Leutenberg liegt in einem Talkessel, umgeben von Wäldern und nimmt für sich den Beinamen „Stadt der sieben Täler“ in Anspruch. Die unter Denkmalschutz stehende kleine historische Altstadt, hervorzuheben sind das alte Rathaus, der Marktbrunnen sowie die Stadtkirche „Maria Magdalena“, ist auch gleichzeitig ein staatlich anerkannter Erholungsort, denn die bis zu 600 m hohen Berge schützen die Stadt vor unangenehmen Winden. Kein Wunder bei dieser Lage! Nach Einkauf der Verpflegung und Besichtigung lief ich Richtung Schweinbach. Am Ende des Bahngeländes, die Straße macht hier eine Kurve, verläuft der Wanderweg über die Schwartzenhöh nach Schweinbach. Meine liebe Mühe hatte ich anschließend den Weg nach Reichenbach zu finden. Zwar war am Dorfende von Schweinbach beim Bolzplatz noch eine Markierung zu finden, aber damit war es vorbei. So klapperte ich verschiedene Wege auf der Suche nach der Wegmarkierung vergebens ab, vergeudete eine Dreiviertelstunde, ehe es mir auf den Geist ging und ich mich entschloss querfeldein, den Hang hinunter zu laufen. Nach nicht allzu langer Zeit sah ich weiter unten eine gemähte Wiese. Ein Hoffnungsschimmer! Von einer gemähten Wiese führt sicher ein Weg ins Reichenbachtal. Meine Vermutung bestätigte sich. Der Feldweg führte nach Reichenbach, an mehreren Abraumhalden, ein untrügliches Zeichen bergbaulicher Tätigkeit, vorbei. Bald stieß ich auf das Loquitztal. Auf der linken Straßenseite wanderte ich ca. 700 m nach rechts, um anschließend links in das Schadethal einzubiegen. Stetig marschierte ich bergauf, die Beine wurden, nach dem ständigen Wechsel von Tälern und Höhen an diesem Tag, immer schwerer. Am Dorfende von Lositz führte der Weg nach Eyba rechts hinunter und anschließend ein Stück am Waldrand entlang, ehe er wieder etwas in die Höhe zog. Auch hier war die Markierung an einer Gabelung schlecht ausgeschildert. Ich hörte jedoch das Geräusch einer Motorsäge, das mich nun links den Hang hinauf geleitete. Bald erreichte ich die Ortschaft und las einige Zeit später an einem imposanten Gebäude Schlosshotel Eyba. Also hatte ich doch den richtigen Riecher! Bei einer älteren Dame, die gerade vor ihrer Haustür herumwerkelte, erkundigte ich mich nach dem Saalfelderweg. Ich konnte bei ihrer Wegbeschreibung nichts falsch machen. Auf einem Feldweg zum Waldrand und anschließend auf einem breiten Forstweg abwärts kam ich bei den Feengrotten heraus. Die letzte Sonderführung war gerade in den Stollen unterwegs, weswegen die Souvenirbesitzerin ihren Laden noch geöffnet hatte. Die Feengrotten entstanden aus einem ehemaligen Alaunbergwerk und sind sicherlich die Hauptattraktion Saalfelds. Berühmt sind sie vor allem wegen ihrer farbigen Tropfsteine. Die eingelagerten Mineralien, 45 wurden bisher nachgewiesen, verursachen diese Farbigkeit.

Bis zu 160 000 Menschen pro Jahr wollen diese Schauhöhle besuchen. Rückblickend ärgerte ich mich, nicht den Wanderweg an der Saale entlang nach Saalfeld genommen zu haben. Denn das ständige Bergauf und Bergab war doch eine beträchtliche Knochenarbeit und kostete viel Zeit.

 

Nach 15 bis 20 Minuten war ich im Zentrum der Kreisstadt Saalfeld, die ihren Namen vom Fluss Saale ableitet. Die Stadt selbst gehört zu den ältesten Gründungen Ostthüringens. Zu karolingischer Zeit gab es hier eine Kaiserpfalz. Eine erste urkundliche Erwähnung Saalfeld erfolgte im Jahre 899. Nach dem um 1517 erfolgten Stadtbrand erhielt die Stadt ihr heutiges Aussehen, welches durch zahlreiche prächtige Renaissancebauten bestimmt wird. Besondere Sehenswürdigkeiten sind das Rathaus, die gotische Johanniskirche, das Schloss, das Franziskanerkloster und die alte Apotheke. Vom Marktplatz ausgehend schlug ich die Richtung zum Schloss ein. Bald gelangte ich zu dem an der Saale entlang führenden Radweg, der mich zur Götzismühle brachte. Von dort lief ich noch zehn bis fünfzehn Minuten, ehe ich mein Lager aufschlug.

Gegen 11:30 Uhr wurde meine nächtliche Ruhe unterbrochen. Zunächst glaubte ich, mich getäuscht zu haben, doch dann hörte ich wieder ein Grunzen im dunklen Wald. Es waren doch tatsächlich Wildschweine in meiner Nähe auf Futtersuche. Mit einem meiner Teleskopwanderstöcke schlug ich mehrmals auf einen neben mir liegenden Stein. Ein ärgerliches Grunzen war zu vernehmen und anschließend hörte man trippelnde Schritte, die sich weiter entfernten. Doch dauerte es noch eine ganze Weile, bis ich keine Geräusche mehr von den nächtlichen Besuchern hörte. Mein Schlafrhythmus war jetzt empfindlich gestört.

Ich blieb am Morgen weiterhin auf dem Radweg. So gelangte ich schneller als ursprünglich geplant, später durch das Industriegebiet laufend, in gut zwei Stunden in die ehemalige fürstliche Residenzstadt Rudolstadt. Von den Saaleauen aus sieht man schon, wenn man sich Rudolstadt nähert, von weitem das Wahrzeichen dieser alten Stadt, nämlich die über der Stadt thronende dreiflügelige Heidecksburg. Sie wird als das prunkvollste Barockschloss Thüringens bezeichnet. Bis 1918 war die Heidecksburg Residenz des Fürstengeschlechtes derer von Schwarzburg und Rudolstadt. Ein Highlight der Schlossbesichtigung ist der Rokokofestsaal, der sich über zwei Stockwerke hinzieht und äußerst dekorativ ausgeschmückt ist. Bei der Touristinformation auf dem Marktplatz erhielt ich einen Stadtplan mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten, so fand ich mich schnell zu Recht. Ich versuchte zunächst mein Glück bei der Stadtkirche St. Andreas, denn in der Kurzbeschreibung des Stadtführers heißt es, dass der Besucher über die architektonische Vielfalt und den Kirchenschätzen erstaunt sein wird. Es war kurz vor zehn Uhr, als ich dort ankam, was für mich eine Stunde Warten auf den Einlass in die Kirche bedeutet hätte. So benutzte ich den Treppenaufgang, der von der Kirche zur Heidecksburg hinauf führt, um vielleicht an einer Führung teilnehmen zu können. Fast auf die Minute genau kam ich zur Führung um 10:30 Uhr. Die Schlossführerin machte ihre Sache gut, es wurde nie langweilig. Nach der informativen mit Anekdoten gewürzten Führung besichtigte ich noch die Gemäldegalerie und die „Rococo en miniature“ – Ausstellung. Gerhard Bätz und Manfred Kiedorf schufen diese einzigartige Miniaturwelt der Phantasie. Jedes kleinste Detail der Rokokoschlösser, seien es Personen, Zimmer oder deren Einrichtungsgegenstände, wurden von den beiden Künstlern perfekt umgesetzt. Das Auge weiß gar nicht, wo es bei diesem Detailreichtum überhaupt hinschauen soll.

Auf dem gleichen Weg begab ich mich wieder hinunter zur vielgepriesenen spätgotischen Stadtkirche. Durch das Hauptportal, das mit dem Wappen des Fürstenhauses Schwarzenberg-Rudolstadt versehen ist, betrat ich die Kirche. Das, was ich sah, stellte keine Übertreibung im Stadtführer dar. Erstaunt war ich auch über den Marienaltar in einer evangelischen Kirche.

Laut Kirchenführerin gibt es noch in mehreren evangelischen Gemeinden der Umgebung Kirchen mit Marienaltären. Ohne Zweifel beeindruckt besonders das Schönfelder Epitaph den Kirchenbesucher. Ich fragte die Kirchenführerin oder war es die Aufpasserin, ob ich Fotos machen darf. Sie hatte nichts dagegen und meinte sogar, ich könne ruhig in den Altarraum hineingehen, um den Marienaltar und das Epitaph genauer in Augenschein zu nehmen. Meinen Einwand, hier steht „Nicht weiter gehen! Alarmgesichert!“ wertete sie als lächerlich ab. Auf mein zögerliches Verhalten meinte sie forsch, das wäre nichts als eine Attrappe. Sie entfernte die Holzschranke und ich schritt Richtung Epitaph, als plötzlich die Alarmglocken schrillten. Sofort hielt ich inne und bewegte mich wieder hinter den Bereich der Absperrung. Die Kirchenführerin, ein nicht mehr so junges Fräulein, zeigte urplötzlich nicht für möglich gehaltene Sprinterqualitäten in Richtung zu dem in der Wand eingebauten Sicherungskasten. Die Alarmglocken schrillten weiterhin ohrenbetäubend. Erst nach mehreren Versuchen, offensichtlich war die Aufregung doch sehr groß, gelang es ihr den richtigen Schalter umzulegen. Die plötzlich eintretende Stille war mehr als beruhigend. Verlegen sagte sie, jetzt habe sie wieder etwas dazugelernt. Zu erwähnen ist noch die Glocke „Osanna“ im Glockenstuhl, die Schiller zu seinem berühmten Gedicht „Lied von der Glocke“ angeregt haben soll.

Von der Kirche stieg ich abwärts zur Straße, hielt mich Richtung Pflanzwirbach, ehe nach der Brauereigaststätte Pörz oder Knörz, genau weiß ich es nicht mehr, der Weg rechts den Hang Richtung Teichweiden hochzog. Im ständigen bergauf und bergab wanderte ich zur turmlosen romanischen Kapelle in Weitersdorf. Rückblickend war es im Saaletal ganz schön schwarz geworden und man hörte in der Ferne ein leichtes Grummeln. Offensichtlich regnete es dort schon. In Großkochberg, einem Dorf mit vielen Fachwerkhäusern, wunderte ich mich über die Anzahl der Gasthäuser. Doch wurde diese Wissenslücke schnell geschlossen. Beim Wasserschloss von Großkochberg ging mir ein Licht auf, denn hier wohnte einst Charlotte von Stein, die Geliebte Johann Wolfgang von Goethes. Das Schloss ist heute Goethe-Gedenkstätte und gehört zur Klassikstiftung Weimar. Auf den Informationstafeln des Goetheweges erfährt man vieles über diese Beziehung. In den Jahren 1775 bis 1788 eilte der junge Goethe oft „Zum Schloss hinter den Bergen“ zur verheirateten Charlotte von Stein, der Herrin von Schloss Kochberg. So schreibt er 1776 an Charlotte von Stein: „Nein an der Wahrheit verzweifle ich nicht mehr. Ach, wenn du da bist, fühl ich, ich soll dich nicht lieben, ach wenn du so fern bist, fühl ich, ich soll dich lieben.“ Auch zu lesen war folgendes kleines Gedicht des Geheimrates am Wegesrand: „Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!“

Am Wasserschloss endet der ca. 28 Kilometer lange Goethewanderweg vom Wielandplatz in Weimar kommend oder fängt, wie es in meinem Fall war, hier an und zieht in die alte Residenzstadt Weimar zum Goethehaus. Der Weg führt am dorfeigenen Schwimmbad vorbei und steigt Richtung Hummelsberg, auf dem sich der Luisenturm befindet, hinauf. Der Aussichtsturm wurde von dem Engländer James Patrick von Parry, der am Hofe von Weimar arbeitete, zu Ehren seiner Frau errichtet. Bald fing es an zu nieseln. In Neckeroda kehrte ich ein und aß zum ersten Mal auf dieser Tour Thüringer Röstl. Ich war mit dem Abendessen zufrieden. Als ich danach aus der warmen Wirtsstube trat, goss es in Strömen. So marschierte ich noch weiter bis Hochdorf und nächtigte dort.

Ab Hochdorf blieb ich weiterhin auf dem Goetheweg, der recht gut ausgeschildert ist. Über Schwarza und der Schönblickhütte gelangte ich um 9:15 Uhr nach Saalborn. Durch den Ort hindurch, an der Kirche und der Lebenshilfewerkstatt vorbei, ging es von nun an stetig bergauf. Fror man vorher, wegen des Temperatursturzes in der Nacht, kam man jetzt schnell auf erhöhte Betriebstemperatur. An der Tafelbuchenhütte rastete ich kurz, ehe es Richtung Buchfart ging. Beim Herablaufen in den in einer Senke gelegenen Ort, fiel mir am gegenüberliegenden Hang der Felsen mit den Öffnungen, die mich an Tore oder Fensteröffnungen erinnerten, auf. Ich konnte mir zunächst keinen rechten Reim darauf machen. Ein schönes Fotomotiv in Buchfart sind die 1613 erbaute und überdachte Holzbrücke über die Ilm und die danebenstehende ebenfalls denkmalgeschützte Wassermühle. Erst als ich am gegenüberliegenden Hang wieder bergauf ging, erhielt ich die Lösung durch eine Informationstafel: „Die am Muschelkalk-Steilhang der Ilm gelegene Buchfarter Felsenburg ist die einzige Anlage dieses Typs im mitteldeutschen Raum und von besonderem kulturhistorischer Rang. Es handelt sich um eine Burganlage der Orlamünder Grafen. Um das 12. Jahrhundert wurden dort in einer Reihe von über 110 m Länge und in einer Höhe von 40 m oberhalb der Ilm 12 Kammern unterschiedlicher Größe in die steile Felsenwand gehauen. Die Kammern waren durch eine Hangmauer im Baustil der Romanik miteinander verbunden. Einige Mauerreste sowie eine rundbogige Tür sind heute noch sichtbar.

Eine kriegerische Bedeutung hatte die Felsenburg im späten Mittelalter nicht. Einer langen Reihe von Grafen, Herzogen und Kurfürsten diente sie jedoch als eine voll ausgebaute uneinnehmbare Fluchtburg. Ab dem 15. Jahrhundert verfiel die Burg systematisch – die Witterung hatte dem Bauwerk stark zugesetzt. Aus Sicherheitsgründen ist der Zugang heute gesperrt und nur aus der Ferne lässt sich die beeindruckende Größe der Felsenburg erkennen.“ Auch Johann Wolfgang von Goethe verewigte die Felsenburg in einem Gedicht: „Kennst du die Burg, gegraben in bergigen Felsen. Der aus dem Tal hochragend zum Himmel emporstrebt? Wellen der Ilm umspülen den Fuß ihr – die Zinne. Wählet zu Weide für seine Schafe der Hirt.“

Zum Ausflugslokal Balsamine und über Vollersroda erreichte ich gegen 13:15 Uhrdie alte Residenz- und jetzige Universitätsstadt Weimar. Weimar blieb bis 1918 Hauptstadt des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Überregional wurde die Stadt unter Herzogin Anna Amalia und ihrem Sohn Herzog Carl August bekannt, als diese an ihrem Hof Künstler beschäftigten und ihnen keine restriktiven Maßnahmen auferlegten, sondern ihnen die künstlerische Freiheit ließ, sich selbst zu verwirklichen. Darunter waren so bekannte Namen wie z. B. Goethe, Schiller, Wieland und Herder. Außerdem war der Herzog Carl August ein toleranter und aufgeklärter Mensch, was dazu führte, dass er der erste Herrscher war, der seinem Staat eine Verfassung gab. Die kulturgeschichtliche Bedeutung Weimars erfuhr durch die Aufnahme in die Welterbestätten der Menschheit durch die UNESCO eine herausragende Bedeutung.

Auf meinem Weg durch das Stadtzentrum begab ich mich als erstes zur 1691 gegründeten Herzogin-Amalia-Bibliothek. Doch leider musste ich gleich mit einer Enttäuschung fertig werden. Meine Bitte um eine Eintrittskarte wurde abgelehnt. Als Begründung hieß es, die Zahl der Besucher in die Bibliothek sei limitiert. So dürfen nur ca. 300 Besucher, wenn ich mich richtig daran erinnere, pro Tag in die Bibliothek eintreten. Im Herbst 2004 verursachte ein Brand einen Millionenschaden. Er vernichtete ca. 50 000 Bücher und beschädigte den Bibliothekssaal aus der Rokokozeit erheblich. Drei Jahre dauerten die Restaurierungsmaßnahmen, ehe die Besucher wieder in die Herzogin-Amalia-Bibliothek strömen durften. Nach der Absage begab ich mich zum Stadtschloss, das auf eine Wasserburg der Grafen von Weimar-Orlamünde zurückgeht, löste eine Eintrittskarte und bestaunte die Schätze des Schlossmuseums. Besonders haben es mir die Bilder von Lucas Cranach, einem der bedeutendsten deutschen Künstler des frühen 16. Jahrhunderts, angetan. Der Maler betrieb eine äußerst produktive Werkstatt. So wurden in dieser Porträts, Altäre und Gemälde mit mythologischen und allegorischen Inhalten, aber auch Dekorationen für die fürstlichen Schlösser hergestellt. Seine Gesellen und Söhne orientierten sich eng an der Malweise des Meisters, weswegen stets ein gleichmäßig hoher Standard gewährleistet wurde. Als Freund des Reformators Martin Luther porträtierte er der Nachwelt ihn in allen Lebensabschnitten. Ich las, dass „die Ehepaarbildnisse des Reformators und seiner Frau Katharina von Bora seine Auffassung von der Rechtmäßigkeit seiner Absage an das Zölibat demonstrieren.“ Auch ein großer Bestand niederländischer Gemälde konnte besichtigt werden, was auf die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den niederländischen Königen aus dem Geschlecht der Oranier zurückzuführen ist. Die Räume mit den modernen Gemälden durcheilte ich etwas schneller, ich wurde langsam müde und hatte das Verlangen möglichst schnell wieder an die frische Luft zu kommen.

 

Ich schritt vom Stadtschloss zum Marktplatz und bestaunte das Cranachhaus, in dem Lucas Cranach der Ältere von 1552 bis 1553 wohnte. Das Cranachhaus war nicht nur bei mir ein beliebtes Fotomotiv, sondern auch, wie ich beobachten konnte, bei den zahlreichen Touristen, die durch die Klassikstadt Weimar streiften. So sticht das Renaissancehaus Cranachs durch seine farbenprächtige Ornamentik hervor. Quer über den Marktplatz kam ich zum neugotischen Rathaus, von dem ich dann die Richtung zur Stadtkirche St. Peter und Paul, auch als Herderkirche bekannt, einschlug. Sie hat ihren Namen von Johann Gottfried Herder, der als Hofprediger viele Jahre in ihr wirkte. Beim Betreten der Kirche sah ich nur eine Baustelle. Von der Empore konnte man in das Kirchenschiff blicken. Das berühmte dreiflügelige Altarbild, das von Lucas Cranach begonnen und von seinem Sohn fertiggestellt, war wegen der Bauarbeiten mit Folie vollständig abgedeckt. Durch die Rittergasse hindurch erreichte ich bald den Theaterplatz mit dem Bauhausmuseum und dem geschichtsträchtigen Deutschen Nationaltheater. Vom Balkon des Theaters verkündete 1919 der damalige Reichspräsident Ebert die erste freiheitliche und demokratische Verfassung auf deutschem Boden, die leider nur wenige Jahre überdauern sollte. Vor dem Nationaltheater steht schlichthin das Denkmal, das für Weimar maßgebend ist. Seit 1857 halten hier die beiden in Bronze gegossenen Dichterfürsten, Goethe und Schiller, die Stellung. Der Bildhauer stellte beide gleichgroß dar, obwohl Goethe nur 1,69 m, aber Schiller beachtliche 1,90 m groß war. Ich schlug nun die Richtung zum Berkaer Bahnhof ein, blieb auf dem Radweg bis zur Max-Greil-Siedlung, bog dort rechts nach Tröbsdorf ein und marschierte noch bis in die Ortschaft Hopfgarten. Im Gasthaus „Zur Weintraube“ ließ ich den Tag bei einer guten Pizza noch einmal Revue passieren.

An der Talsperre Hopfgarten vorbei und durch Niederzimmern marschierte ich bis Wallichen. Ab hier benutzte ich den Jakobsweg nach Erfurt. Nachdem das Wetter gestern durchwachsen war, einmal regnete es, dann schien wieder die Sonne, zeigte sich Petrus heute von seiner Schokoladenseite. Es war bestes Ausflugswetter, Sonnenschein und blauer Himmel.

 

Gegen 10:40 Uhr lief ich in die Außenbezirke der thüringischen Landeshauptstadt Erfurts ein. Nach einer weiteren Viertelstunde kam ich zu einer Straßenbahnhaltestelle. Ich löste ein Ticket und fuhr mit ihr in das historische Zentrum der Altstadt. Den Beinamen „Thüringisches Rom“ verdankte Erfurt seiner ehemals großen Zahl von Kirchen. Man hatte den Eindruck, bei der großen Anzahl von Touristen, es gäbe hier etwas umsonst. Mein Weg durch das Zentrum von Erfurt begann bei der Kaufmannskirche. Diese Kirche hat als einzige Bürgerkirche Erfurts zwei Türme. Hervorragend wurde die Kanzel gestaltet. Sie zeigt zuunterst, wie es in dem kleinen Kirchenführer heißt, „den Weg von den Paradiesmenschen als Lebensbaum, der in den Brustbeinen von Adam und Eva wurzelt und den Abschluss bildet Christus mit der Weltkugel in einem auf acht Säulen ruhenden offenen Kuppelbau.“ Von der Kaufmannskirche ging ich in die Johannesstraße. Dort bestaunte ich das Haus Nr. 169, das sogenannte Stockfischhaus. Die reich geschmückte grau-weiß-gelbe Fassade des dreigeschossigen Renaissancehauses, aber auch das prächtig verzierte Eingangsportal demonstriert den Reichtum der Waidhändlerfamilie. Der Name des Hauses leitet sich von dem Steinrelief über dem Portal ab, welches einen Stockfisch zeigt. Heute ist darin das Stadtmuseum untergebracht.

 

Die Waidhändler erzeugten aus der Waidpflanze, die aus Westasien stammt und im Mittelalter in Europa kultiviert wurde, einen schönen blauen und zur damaligen Zeit heiß begehrten Textilfarbstoff. Im Thüringer Becken wurde seit dem 13. Jahrhundert Waid angebaut. Nach der Ernte verkaufte man die Pflanzen hauptsächlich nach Erfurt. Die getrockneten Blätter wurden mit Wasser und Urin begossen und zur Gärung gebracht. Nach einem langwierigen Reifeprozess der Waidfarbe wurde ein großer Teil Europas mit dem blauen Farbpulver beliefert. Dies führte zu einem beträchtlichen Reichtum Erfurts. So heißt es im Prospekt der Touristinformation, dass „etwa drei Tonnen Gold bis 1600 durch den Waidhandel nach Thüringen flossen und diese Region zu einer der reichsten im mittleren Europa machten.“ Die Handwerker, die dieses Textilblau herstellten, nannte man wegen ihrer Herstellungsmethode „Waidpinkler“.

 

Als nächstes besuchte ich das gotische Augustinerkloster, in dem Martin Luther 1505 zum Mönch geweiht wurde. Eine Augenweide sind die wertvollen Glasfenster aus dem 14. Jahrhundert, die die Legende des Hl. Augustinus zeigen. Bei meinem Gang durch die Erfurter Innenstadt beschränkte ich mich auf wenige Sehenswürdigkeiten. Vom Augustinerkloster schlug ich die Richtung zur 120 m langen mittelalterlichen Krämerbrücke ein, die die Gera überspannt. Sie ist komplett mit 32 Häusern, im Mittelalter waren es derer noch 62, bebaut und gilt somit als längste bebaute und bewohnte Brücke in Europa. Der Name Krämerbrücke leitet sich von den vielen Händlerhäusern ab, die alles Mögliche anboten. Auch heutzutage ist es fast noch genauso wie früher. Die Touristenmassen schieben sich in beide Richtungen vorwärts, weswegen ich wieder froh war, die Brücke verlassen zu können.

Über den Benediktusplatz an der Touristinformation vorbei kam ich zum herrlich gestalteten Fischmarkt, dem Mittelpunkt der Stadt oder noch besser ausgedrückt, der guten Stube Erfurts. Hier befinden sich ebenfalls viele sehenswerte Bürgerhäuser von ehemals reichen Waidhändlern. Im Haus „Zum roten Ochsen“, dessen Figurenfries die griechischen Musen und die Wochentage darstellt, befindet sich eine Kunstgalerie. Schräg gegenüber ist das meiner Meinung nach schönste Haus der Altstadt, das Haus „Zum breiten Herd“ mit seiner einzigartigen bunten Renaissancefassade. Über dem Erdgeschoss erkennt man auf den fünf Brüstungsplatten fünf Frauen, die die fünf Sinne darstellen sollen. Direkt daneben angebaut steht das Gildehaus mit der Darstellung der vier Haupttugenden, die da sind: Gerechtigkeit, Klugheit, Mut und Mäßigung.

An der Ostseite des Fischmarktes ist das neugotische Rathaus nicht zu übersehen. Mitten auf dem Platz steht die vom niederländischen Bildhauer 1591 geschaffene Figur eines Kriegers mit den Zeichen der römischen Republik. Damit wollte der Rat der Stadt den Unabhängigkeitsdrang derselben, aber ebenso der Bürger zum Ausdruck bringen. Manchmal wird diese Figur auch als Roland bezeichnet, was aber falsch ist, denn Erfurt war nie freie Reichsstadt.

 

Vom Fischmarkt schlenderte ich zusammen mit zahlreichen Touristen weiter zum Domplatz, dem nächsten Erfurter Highlight.

Auf der Südseite des Domplatzes fallen einem sofort die liebevoll renovierten historischen Häuser auf. Erwähnenswert sind besonders die beiden Häuser „Zur hohen Lilie“ und die ehemalige „Grüne Apotheke“.

Überstrahlt wird aber alles vom Mariendom und der St. Severikirche. Dieses Ensemble bildet zusammen die imposante Kulisse für die alljährlichen Domstufen-Festspiele. Die 70 Stufen, die zum Dom hinaufführen, wurden im 14. Jahrhundert errichtet. Im Inneren des Doms sind in erster Linie die mittelalterlichen Glasfenster und die romanische Muttergottesfigur mit Kind, in der Severikirche der große Barockaltar und der spätgotische Taufstein hervorzuheben.

Nach soviel Kultur bekam ich Hunger und verdrückte eine thüringische Rostbratwurst, die allerdings meiner Meinung nach, jetzt mit der lokalpatriotisch angehauchten rotweißen Brille betrachtet, nicht an eine fränkische Bratwurst heranreicht. Mit der Straßenbahn fuhr ich anschließend bis zur Haltestelle Messe und marschierte auf dem Jakobsweg über Schmira bis nach Grabsleben, dem Endpunkt des heutigen Tages. Froh war ich darüber, dass das einzige Gasthaus noch geöffnet hatte.

Rucksackhülle und Schirm benötigte ich am folgenden Tag, denn es regnete einmal mehr, einmal weniger und auch manchmal lugte die Sonne aus den Wolken hervor.

Von Grabsleben führte mein Weg über Tüttleben und Siebleben nach Gotha. In der fünftgrößten Stadt Thüringens hielt ich mich etwa gut drei Stunden auf. Von der Margaretenkirche kommend lief ich zum Marktplatz. Hier steht links ein wunderschönes Patrizierhaus, in dem der Ratskeller bzw. jetzt ein italienisches Restaurant zu finden ist. Zum 1577 erbauten repräsentativen Renaissancerathaus sind es nur ein paar Schritte. Von diesem läuft man an den Wasserspielen vorbei zum größten frühbarocken Schloss Deutschlands, Schloss Friedenstein, hinauf. Das Schloss beherbergt drei sehenswerte Museen, die Schlosskirche, das Ekhoftheater mit der einzigen auf der Welt noch funktionierenden Bühnen-maschinerie aus dem 17. Jahrhundert, die barocke Orangerie sowie einen Landschaftspark im englischen Stil.

 

Gotha verließ ich Richtung Kriegberg, der jahrhundertelang für die verschiedensten Armeen als Lager- und Übungsstätte diente. Da die Flächen landwirtschaftlich nicht intensiv genutzt wurden, blieben sie von Pestiziden und Insektiziden weitgehend verschont. Für viele Pflanzen- und Tierarten war dies mehr als positiv. So bietet das weite offene Land mit wenigen Bäumen und Sträuchern und den Feuchtbiotopen einen speziellen Lebensraum für viele wiesen- und heckenbrütende Vogelarten, aber auch für zahlreiche Amphibien.

Weiter auf dem Jakobsweg bleibend begegnete ich in einer Unterstandshütte einem Extremwanderer aus Rügen, der schon mehrere Wochen zu Fuß hinter sich gebracht hatte. Sein Ziel, wie er mir verriet, ist der Bodensee. Dazu hat er, um diesen zu erreichen, noch bis Ende Juni Zeit. Er habe vor, so sein Plan, auf diversen Jakobswegen zum Bodensee zu gelangen. Seine Route soll über Eisenach, Fulda, Würzburg und Augsburg führen. Zum Abschluss unserer interessanten Unterhaltung bekam ich von dem sympathischen Zeitgenossen eine kleine Muschelschale, von denen er eine Tüte voll am Strand von Rügen aufgesammelt hatte, zur Erinnerung geschenkt. Bei Burla lief ich südwärts nach Sättelstädt, um die Hörselberge zu umgehen. An dem Flüsschen Hörsel entlang erreichte ich zum Abendessen Schönau. Rouladen mit Blaukraut und Thüringer Klösen, vorneweg eine Solajanka, sorgten für Energie bei dem regnerischen Wetter. Nach Wutha beendete ich die heutige Etappe.

Bald erreichte ich morgens Eisenach. Durch das Nikolaitor, an der Nikolaikirche und am Lutherdenkmal vorbei, weiter auf der Karlsstraße, kam ich schnell zum Marktplatz. Dort schoss ich noch ein Bild mit der alten Apotheke als Hintergrund, ehe ich mich vom Elisabethenpfad aus der Stadt hinaus führen ließ. Eisenach mit der Wartburg habe ich schon auf früheren Touren ausgiebig erkundet.

Der Elisabethenpfad läuft zusammen mit dem Jakobusweg linksseitig der Hörsel bis nach Hörschel. Hörschel an der Werra ist bekannt als Startpunkt für Deutschlands bekanntesten Höhenweg, den 168,3 km langen Rennsteig. Bevor ich Hörschel erreichte, kreuzte ich noch den Museumslehrpfad von Stedtfeld zum Rennsteig. Auf der Informationstafel war folgendes zu lesen: „Das Terrain Gipsmühle befindet sich auf einer 80 x 120 m großen Halde mit ca. 20 000 t Schlacken – Stein aus der Kupferverhüttung. Ein großer Hüttenteich lieferte Aufschlagwasser für den Betrieb großer Blasebälge, die Wind in die Schmelzöfen bliesen. Gerösteter Kupferschiefer wurde mit Gestübe und Holzkohle zu Kupferstein erschmolzen. Nochmaliges Rösten verflüchtigte Arsenik und Schwefel. Kupferstein kam in den hohen Ofen und wurde zu Schwarzkupfer, der 80 % Rohkupfer enthielt. Im kleinen Garherd wurde dann 98 % Kupfer erschmolzen, in dem sich noch Silber befand, das im Saigerverfahren vom Kupfer mittels Bleiverbindungen getrennt wurde. Eine gesundheitsschädliche und umweltfeindliche Arbeit. Die Schmelzer wurden früh krank und arbeitsunfähig.“ Eine Berufsgenossenschaft und ein Arbeitsschutzgesetz gab es noch nicht.

Ich blieb weiter auf dem Elisabethenpfad, ließ mich durch die Werraauen führen und kam bald zur alten Saline Wilhelmsglücks-brunn, die zirka zwei Kilometer vor der mehr als 1000jährigen Stadt Creuzburg liegt. Der Salinenbetrieb wurde allerdings schon im 19. Jahrhundert wegen wirtschaftlicher Unrentabilität eingestellt und aus diesen Grund in einen landwirtschaftlichen Betrieb umgewandelt. Heute befindet sich auch ein Gastronomiebetrieb mit Übernachtungsmöglichkeit in dem Anwesen.

Aus den Reisenotizen Goethes geht hervor, dass die ehemalige Saline ein gern besuchtes Ausflugs- und Reiseziel war. Die Werraauen um die Saline Wilhelmsglücksbrunn wurden zu einem Naturschutzgebiet gleichnamigen Namens zusammengefasst. „Die vielfältigen Feuchtlebensräume bieten vielen Insekten- und Vogelarten sowie Amphibien und Fischen Nahrungs- und Fortpflanzungsstätten. Ganz besondere Bedeutung hat die Werraaue für die Erhaltung gefährdeter Wiesenvögel und als Rastgebiet für zahlreiche Zugvögel und Wintergäste aus dem Norden und Osten Europas. Nördlich des Gutshofes steigt in Verwerfungsspalten salzhaltiges Grundwasser auf. An diesen sogenannten natürlichen Binnensalzstellen wachsen Pflanzenarten, die sich den schwierigen Bedingungen der Salzstandorte angepasst haben und sonst in Europa hauptsächlich nur an Meeresküsten zu finden sind.“ Bald sieht man die Creuzburg, die über der gleichnamigen Stadt thront.

 

Bei der historischen Werrabrücke, der ältesten Steinbrücke nördlich des Mains, steht das ehemalige spätgotische Wallfahrtskirchlein, die Liboriuskapelle. Kunrad Strebel malte 1520 die Wände mit Szenen aus der Lebensgeschichte der Hl. Elisabeth und Christus aus. Diese Fresken wurden einige Jahre danach in den unruhigen Zeiten des Bauernkrieges übertüncht und erst Jahrhunderte später, nämlich 1932, entdeckt und wieder freigelegt. Die Kapelle wird zurzeit umfassend renoviert.

Eine Fotoausstellung in der 1216 erbauten Nikolaikirche, der Creuzburger Stadtkirche, dokumentiert den Freskenzyklus. Die Nikolaikirche selbst ist ursprünglich eine romanische Kirche mit einem Chor von 11 m Durchmesser.

Große Bedeutung erwarb Creuzburg als Landgraf Ludwig IV. sich mit der ungarischen Königstochter Elisabeth vermählte und die Creuzburg als Zweitresidenz neben der Wartburg auserkor. „Bis heute berührt es viele Menschen wie kompromisslos sie sich aus tiefsten Glauben für die Armen eingesetzt hat. Elisabeth lebte gerne auf der Creuzburg. Die steinerne Werrabrücke ließ ihr Gemahl, der Thüringer Landgraf Ludwig IV., 1223 aus Dankbarkeit über den erstgeborenen Sohn Hermann bauen.“ Das Gebiet um Creuzburg ist auch ein Terrain für die Orchideenfreunde. So kommen im Raum Creuzburg, besonders an den südexponierten Steilhängen der Werraauen, 26 verschiedene Orchideenarten vor.

 

Von Creuzburg aus wählte ich das X5-Wanderzeichen, um zum Heldrastein zu kommen. An einer nicht markierten Wegegabelung entschied ich mich für die falsche Richtung, driftete zu weit nach links und kam in Volteroda heraus. Durch den Iftaer Wald marschierte ich dann, der Weg wollte kein Ende nehmen, zum Heldrastein. Als ich endlich den ehemaligen, mit Betonplatten ausgelegten Grenzweg zwischen der BRD und der DDR erreichte, fing es an, wie aus Eimern zu schütten. War ich vorher noch hundsmüde, so gab dies mir einen Kick, ich konnte plötzlich schneller laufen und erreichte später auf einem nach rechts abzweigenden Pfad die Unterstandshütten und den Aussichtsturm auf dem Heldrastein. Bemerkenswert ist, dass der jetzige Aussichtsturm aus dem Turm der Abhör- und Radaranlage 1996 entstanden ist. Während des Kalten Krieges war der Heldrastein ein Horchposten der Stasi, die die Abhöranlagen betrieben. Auch drei Jugendliche aus Rambach suchten hier mit ihren zweirädrig motorisierten Maschinen Unterschlupf vor dem Regen. Es dauerte noch einige Zeit bis der Wolkenbruch nachließ.

Der 504 m hohe Heldrastein wird als „König des Werratales“ bezeichnet. Er erhebt sich 330 m über dem Werratal und ist etwa zwei Kilometer lang. Während der deutschen Teilung durfte niemand, mit Ausnahme der Grenzsoldaten, auf diesen Aussichtsberg. Umso größer war die Freude als die Grenze fiel und die Menschen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs den Berg nach mehr als 40 Jahren wieder besteigen konnten. Dies drückt sich in vielen Gedichten und schriftlichen Gefühlsäußerungen der Menschen in den Gipfelbüchern aus, die nach der Grenzöffnung hier herauf kamen. Extra wurden einige in Schaukästen ausgestellt. Folgende Beispiele, die mir gefielen, möchte ich erwähnen:

 

 

1. Es ist erhaben hier oben zu stehen

und ins schöne Tal zu sehen,

man sieht die schöne Werra fließen

und kann den Blick so froh genießen.

Hoch lebe dieser Heldrastein

und möge nun immer Friede sein.

E. und G. Holz, Creuzburg

 

2. Gruß an meinem Heldrastein.

Ein Leben lang warst du begehrt,

40 Jahre warst du uns verwehrt.

Die Wanderfreunde haben dich gern,

Sie grüßen dich aus nah und fern.

Du hast gewacht über unser Land,

Das nun endlich Frieden fand.

A. Schein Februar 1990

 

Den folgenden urheberlosen Spruch eines philosophisch, aber praktisch veranlagten Zeitgenossen möchte ich auch nicht unter den Tisch kehren: „Hohe Berge und junge Weiber gibt müde Knochen und matte Leiber.“

Vom Heldrastein musste ich nun, da durch den Regen alles glitschig war, beim steilen Abwärtsgehen hinunter zum Werraufer besonders aufpassen. In Großburschla besichtigte ich noch die neben dem Stiftsgebäude gelegene St. Bonifatiuskirche, eine beeindruckende und gut erhaltene romanische Kirche. Ein aufmerksamer Anwohner sah, wie ich nach dem Lesen der Informationstafel die Kirchentür vergeblich öffnen wollte. Er sauste heraus, schloss auf und ließ mich zur Besichtigung ins Innere der Kirche eintreten. Dass diese Kirche wirklich romanischen Ursprungs war, erkannte sogar ich als Laie an den verzierten Kapitellen auf den Säulen und den Doppelarkaden. Von der Kirche hatte ich es nicht weit ins Wirtshaus. Nach der Sättigung marschierte ich noch über die Werrabrücke nach Heldra und am ehemaligen Bahnhof vorbei nach Kleinburschla, dem Ende der vorletzten Etappe auf dem dritten Abschnitt meiner Deutschlanddurchquerung. Auch wenn es schon langsam dunkel wurde und die Straßenlaternen ihr fahles Licht in die Gassen ausströmten, gefiel mir die Ortschaft mit den bestens instandgehaltenen Fachwerkhäusern sehr gut. Den Mittelpunkt des Ortes stellt der Dorfanger mit der erhaltenen Thing- und Gerichtsstätte von 1688 dar. Welch ein Kontrast zwischen Großburschla, der thüringischen und Kleinburschla, der hessischen Ortschaft dachte ich mir. Hier sieht man, wie der real existierende Sozialismus mit dem Erbe der Vorfahren umgegangen ist. Er ließ es verfallen.

 

Der letzte Tag nach Wanfried war nur mehr ein Spaziergang. In einer guten Dreiviertelstunde erreichte ich die alte ehemalige hessische Handelsstadt, die den Besucher mit ihren imposanten Fachwerkhäusern beeindruckt. „Der Schwan“ 1655 erbaut, steht direkt neben dem dreistöckigen Rathaus, das ursprünglich von der Kaufmannsfamilie Uckermann als Handelshof in der Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet wurde. An Silvester läutet man per Hand das neue Jahr mit der alten Sturmglocke auf dem Rathaus ein. Eine Gedenktafel am Eingangstor des Rathauses erinnert an die Befreiung Wanfrieds von den napoleonischen Truppen durch den Major von Hellwig. 1673 wurde dagegen das barocke Harmes’sche Handelshaus, wie es in der Infobroschüre heißt „mit aufwändigen Flachschnitzereien, an den Eckständern mit herausgestreckten Zungen und hervorgehobenen Mannesfiguren mit Kuhfüßen erbaut.“

Anfang des 17. Jahrhunderts wurde Wanfried als eine der vornehmsten Städte Europas mit einem bedeutenden Handelsplatz genannt. Bereit 1182 begann der Transport von Waren auf der Werra bis nach Bremen und auch umgekehrt. Durch Schleusen wurde die Werra schiffbar gemacht. Die Bedeutung Wanfrieds als Hafenstadt ließ dann schlagartig nach, als die Straßen besser wurden und später der Siegeszug der Eisenbahn kam. So stellte man 1850 endgültig die Werraschifffahrt ein.

Den alten Werrahafen bezeichnet man als „Schlagd“. Von den ehemals sieben Kaufmannshäusern, die am Hafen standen, blieben nur noch zwei große Schlagdhäuser übrig, die an die „goldene Zeit“ der Werraschifffahrt erinnern.